Truntschka: „Krupp ist ein absoluter Eishockey-Fanatiker“

Posted on 14. Mai 2010

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Gerd Truntschka

EISHOCKEY – Mausgraue Randsportart oder Sportspektakel? Bei der heimischen Eishockey-Weltmeisterschaft in diesen Tagen stellt sich die Frage, ob eine WM im eigenen Lande wieder mehr Farbe ins deutsche Eishockey bringen kann? Der Ex-DEB-Kapitän und mehrfache WM- und Olympiateilnehmer Gerd Truntschka skizziert im exklusiven BLOGpunkt Sport-Interview die aktuelle und zukünftige Lage des deutschen Eishockeys.

In Deutschland findet nach 1955, 1983, 1993 und 2001 zum fünften Mal eine Weltmeisterschaft statt. Wie sehen Sie die Möglichkeiten der deutschen Auswahl bei der WM?

Truntschka: Besser als bei den letzten Turnieren. Bei den Olympischen Spielen in Vancouver haben die besten Teams der Welt gespielt und es ist für die deutsche Mannschaft nicht gut gelaufen. Aber man muss sehen, dass die anderen Nationen bei der WM nicht so stark sind wie in Vancouver. Gute, weltklasse Mannschaften, keine Frage, aber die absolute Creme de la creme war in Vancouver dabei und bei der WM nicht. Für Deutschland spielt die bestmögliche Mannschaft. Leider ist Marco Sturm verletzt, aber ein paar Verletzungen hat man immer.

Gerd Truntschka

Gerd Truntschka schätzt die deutsche Fanklub-Kultur im Eishockey.

Wie beurteilen Sie die Chancen für das DEB-Team gerade vor heimischem Publikum?
Truntschka: Mit den Fans im Rücken ist es in Deutschland schon toll. Ich habe es zweimal mitbekommen bei einer WM in Deutschland und muss sagen, dass ich das nirgendwo anders erlebt habe, dass die Fans ein Team so nach vorne gepeitscht haben. Wir haben 1993 in Dortmund gespielt und sind Zweiter in der Vorrunde geworden. Gegen die Finnen und die Amerikanern mit allen NHL-Stars haben wir ziemlich deutlich gewonnen. Dabei haben uns die Fans so was von nach vorne gepeitscht. Das macht natürlich schon etwas aus.

Der Faktor Fans klingt interessant. Warum ist das den bei anderen Nationen, bei denen Eishockey einen höheren Stellenwert besitzt als in Deutschland, nicht so?

Truntschka: Diese Nationen haben nicht diese Fanklub-Mentalität. Zu meiner Zeit war diese Fan-Kultur extrem stark. An der Brehmstraße in Düsseldorf waren die Fans zum Beispiel extrem stark und auch kreativ, was Songs und solche Dinge betrifft. Das gleiche war bei den Krefeldern, den Kölnern und den bayerischen Vereinen. Wobei in NRW die Fans gesangsfreudiger und kreativer waren. Wenn man sich die ausverkauften Spiele in der NHL anschaut, dann erlebt man dort eine Opernstimmung. Da holen sich die Leute Hot-Dogs und etwas zu Trinken. Sicherlich verfolgen auch alle das Spiel, aber man hat keine geschlossene Gruppe, die das gleiche Lied anstimmt. Diese Fanklub-Kultur, die es in Deutschland gibt, existiert weder in Skandinavien, noch bei großen Eishockey-Nationen wie Kanada oder Amerika.

Kann die deutsche Mannschaft mit den „Großen“ überhaupt mithalten?

Truntschka: Mit den Fans im Rücken ja. Die sogenannten großen Nationen, wie zum Beispiel die deutschen Gruppengegner Amerika oder Finnland, sind nicht mit den besten 20 Spielern angereist. Für viele NHL-Stars ist es in den Jahren von olympischen Spielen brutal. Nach 90 regulären Saisonspielen plus den Partien in Vancouver soll der Spieler noch bei einer WM in Deutschland rumkrebsen? Da die meisten Nationen wissen, dass diese Spieler keine Lust auf so etwas haben, setzen sie eher auf Jüngere oder auf Spieler aus der zweiten Kategorie. Die sind auch nicht schlecht, aber da ist schon ein Unterschied. Was für Deutschland immer noch schwierig genug sein wird.

Was muss denn generell passieren, dass Deutschland nicht nur im Handball und Fußball sondern auch im Eishockey vorne mitspielen kann?

Truntschka: Eigentlich ist das ganz simpel. Die Fachleute, zu denen ich mich jetzt mal dazuzählen darf, sagen das schon seit 20 Jahren. Aber es interessiert die Deutsche Eishockey Liga (DEL) eigentlich überhaupt nicht. In Deutschland ist es momentan so, dass ein paar Vereine ganz gut ausbilden. Nehmen wir zum Beispiel mal Landshut. Dieser Verein ist zuletzt mehrfach zur besten Nachwuchsausbildung in Deutschland gewählt worden. Im Endeffekt läuft es aber so: Du bildest als Verein einen Spieler aus, der dann mit 18 Jahren ein Angebot von der DEL oder anderswo erhält, wo er ein paar hundert Euro mehr im Monat bekommt. In Landshut würde dieser Spieler vielleicht nur 800 Euro erhalten, wo er in Ingolstadt vielleicht 1.500 bis 2.000 Euro verdienen würde. Dann ist dieser Spieler weg und man bekommt für die komplette Ausbildung keinen Pfennig. Keine Ablöse, keine Ausbildungsentschädigung. Nichts. Das ist die Katastrophe. So sagt sich jeder Verein: Warum soll ich Hunderttausende von Euro in die Nachwuchsausbildung stecken, wenn ich überhaupt nichts davon habe?

Bundestrainer Uwe Krupp hat bestimmt auch deswegen schwierige Zeiten durchgemacht. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Truntschka: Ich kenne den Uwe ziemlich gut, obwohl ich momentan nicht so viel Kontakt mit ihm habe. Ich habe mit ihm gespielt und er war bei meinem Geburtstag vor zwei Jahren da, wo wir uns bis sechs Uhr in der Früh über Eishockey unterhalten haben. Das ist ein absoluter Eishockey-Fanatiker. Der lebt dafür und macht sich darüber sehr viele Gedanken. Ich bin überzeugt davon, dass das ein Top-Trainer ist. Macht die Struktur des deutschen Eishockeys auch dem Bundestrainer zu schaffen und was ist langfristig mit der aktuellen Lage für das Nationalteam möglich? Truntschka: Vielleicht ist mal die eine oder andere Positiv-Überraschung drin. Insgesamt gesehen muss man aber sagen: Wir haben eine zu schlechte Ausbildung. Nicht breit und nicht zielgerichtet genug. Das weiß man seit 20 Jahren. Wenn zum Beispiel Landshut einen Spieler ausgebildet hat, der mit 20 Jahren nach Mannheim wechselt und dort fünf Jahre spielt, dann müsste Landshut pro Jahr 20.000 Euro als Entschädigung für die Ausbildung bekommen. Dann würde es mit Sicherheit auch viele Vereine geben, die mit diesen Einnahmen mehr Eiszeit und bessere Trainer finanzieren könnten oder Werbung für den Nachwuchs betreiben. Dann hat man im Knabenbereich halt mal zwei anstatt einer Mannschaft. Also sprich: es muss eine Motivation geben, die Spieler auszubilden.

 …die so dann natürlich sehr gering ist.

Truntschka: Die ist im deutschen Eishockey null gegeben. Ich verstehe nicht, dass die DEL so ignorant ist und das nicht versteht und nichts bezahlt. Im Endeffekt machen sie sich damit selbst kaputt. Das deutsche Eishockey hat in den letzten 15 Jahren enorm an Wert verloren und ist eigentlich nur noch eine Randsportart. Im Fernsehen und in der Zeitung ist sie so gut wie nicht präsent. Es ist eigentlich nur noch eine lokale Geschichte. Das ist das Problem. Aus dem Ganzen kommt man nur raus, wenn man international in 10-15 Jahren wieder erfolgreicher spielt.

Ist das ein Thema, dass auch Krupp frustriert?

Truntschka: Ich bin überzeugt davon, dass es bei ihm auch so ist. Er sieht, dass das nachkommende Spielermaterial, ihm im Prinzip nie die Chance gibt, unter die letzten Sechs zu kommen oder, wenn alles super läuft, mal um eine Medaille mitzuspielen beziehungsweise wenigstens einmal daran zu riechen. Wenn Du jahrelang merkst, dass Du Dich zwischen den Plätzen 9 und 16 bewegst, das frustriert auf Dauer. Es wird spekuliert, dass Krupp nach der WM aufhört und in der NHL anheuert. Hat er mit Ihnen über seine Zukunft gesprochen? Truntschka: Ob er weitermacht, kann ich nicht sagen, denn ich habe in den letzten zwei Jahren nicht mit ihm gesprochen.

Sprechen wir zum Abschluss über andere WM-Teams, die sich höhere Ziele stecken als Deutschland. Sie haben im Vorgespräch gesagt, Russland ist Ihr WM-Favorit. Warum?

Truntschka: Ja, Alexander Ovechkin spielt mit, das ist natürlich schon ein Wahnsinns-Spieler. Die Russen haben in Vancouver enttäuscht und ich glaube, dass diese Mannschaft es zeigen will, dass dies ein Ausrutscher war. So schwach wie in Vancouver sind sie nicht. Ich denke, dass die Russen in der Zwischenzeit auch wieder einen gewissen Nationalstolz haben, der Stück für Stück wieder gekommen ist. Ich traue es Ihnen zu. Man kann aber nicht sagen, dass die Russen der haushohe Favorit sind. Kanada, Tschechei oder Schweden sind immer für einen Titel gut.

Mit Hannover als deutschen Meister lagen Sie zuletzt bei einem Interview goldrichtig. Dann können wir also davon ausgehen, dass Russland Weltmeister wird?

Truntschka: Irgendwie könnte ich mir einen Titel für die Russen gut vorstellen. Meistens ist das bei mir wie mit dem Hannover-Tipp eine reine Gefühlssache.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

BLOGpunkt Sport-Profil Gerd Truntschka:

• Kapitän der Nationalmannschaft mit 215 Länderspielen • 9 WM- und 4 Olympiateilnahmen, einmal ins All-Star-Team gewählt (WM 1987) • Mit 943 Assists bester Torvorbereiter der deutschen Eishockey-Geschichte • Achtmal Deutscher Meister mit den DEL-Klubs Köln, Düsseldorf und München, fünfmal Spieler des Jahres und Spieler des Jahrzehnts (1980er Jahre). • Heute stellt Gerd Truntschka das Naturprodukt „LaVita“ her.